Machen Social-Media-Dienste bewusst abhängig? Bisher geheime Dokumente könnten Konzernen gefährlich werden

Interne Unterlagen und Chatverläufe legen nahe, dass Tech-Giganten die Gefahren für Jugendliche seit Jahren kennen – und ihr auf Sucht ausgelegtes Geschäftsmodell trotzdem weiter betrieben.

Machen Social-Media-Dienste bewusst abhängig? Bisher geheime Dokumente könnten Konzernen gefährlich werden
Bild: KI-generiertes Symbolbild

Warum dieser Artikel zählt

In den USA laufen gerade die ersten großen Social-Media-Haftungsprozesse. Urteile aus Kalifornien und New Mexico haben Meta und Google in den vergangenen Wochen zu dreistelligen Millionensummen verurteilt. Eine Recherche des Handelsblatts zeigt, was in den Akten steht: Interne Unterlagen und Chatverläufe legen nahe, dass die Konzerne die Gefahren ihrer Plattformen für Jugendliche seit Jahren kannten und ihr Geschäftsmodell trotzdem weiterbetrieben. Für die Branche ist das ein Kipppunkt.

Der Fall Cusato

Gabriella Cusato war 15 Jahre alt, als sie sich im November 2019 im Kleiderschrank erhängte, nachdem ihre Mutter ihr nach einem Streit das Telefon weggenommen hatte. Essstörungen, mehrere heimliche Instagram-Konten, Algorithmen, die sie nach Überzeugung der Familie „in einen Kaninchenbau“ aus Schlankheits-, Schönheits- und Selbsthass-Content gezogen haben. Die Familie Cusato klagt heute gemeinsam mit rund 1.800 anderen Familien gegen Meta. Der kalifornische Fall gilt als Bellwether-Prozess: ein Testfall, an dem sich die nächsten 2.000 Klagen ausrichten werden.

Was die Dokumente zeigen

Meta will Berufung einlegen und wirft der Anklage „ausgewählte Zitate“ und eine „irreführende Darstellung“ vor. Google sieht das ähnlich. Doch die aus den Prozessen öffentlich gewordenen internen Dokumente zeichnen ein anderes Bild: Studien zu Suizidgefahr, zu Essstörungen, zu kognitiver Abhängigkeit wurden intern geführt – und die Erkenntnisse lagen auf dem Tisch, bevor Produkte wie Reels oder Infinite-Scroll ausgerollt wurden. „Uns holt jetzt die Vergangenheit ein“, sagt ein Meta-Mitarbeiter im Silicon Valley.

Warum der Fall größer ist

Die Prozesse sind ein Lackmustest für die Haftungsfrage digitaler Plattformen. Bislang galt Section 230 in den USA als Schutzschild: Was Nutzer posten, muss die Plattform nicht verantworten. Produktdesign aber ist etwas anderes. Wenn ein Gericht entscheidet, dass Algorithmen selbst ein Produkt sind, das Schaden verursacht, gelten Haftungsregeln wie bei Medizinprodukten oder Autos. Europa beobachtet die Verfahren genau. Der Digital Services Act geht in dieselbe Richtung, bisher aber vorsichtiger.

Die ganze Geschichte habe ich zusammen mit Felix Holtermann, Josefine Fokuhl, Thomas Jahn, Kevin Knitterscheidt, Gunter Nowy und Olga Scheer für das Handelsblatt aufgeschrieben. Hier bekommen Sie einen ersten Eindruck.

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