Chinas Rezept für das Turbowachstum
Über Jahrzehnte ist die Volksrepublik rasant gewachsen. Das wichtigste Mittel: Ein massiver Ausbau der Infrastruktur.
Über Jahrzehnte ist die Volksrepublik rasant gewachsen. Das wichtigste Mittel: Ein massiver Ausbau der Infrastruktur. Neue Straße, Zugstrecken und Flughäfen wurden im ganzen Land hochgezogen. Doch der Ansatz stößt an Grenzen.
Hintergrund
Als die Reportage entstand, wuchs Chinas Wirtschaft noch mit Raten von knapp sieben Prozent pro Jahr – eine Verlangsamung gegenüber den zweistelligen Wachstumsraten der 2000er-Jahre, aber immer noch deutlich stärker als jede westliche Volkswirtschaft. Die Formel kombinierte massive Infrastrukturinvestitionen (Hochgeschwindigkeitsbahn, Flughäfen, Häfen), eine exportorientierte Industriepolitik, eine schnell wachsende städtische Mittelschicht und eine quasi unerschöpfliche Liquidität aus dem Bankensystem.
Unter der Oberfläche waren die Ungleichgewichte schon damals sichtbar. Der private Konsum machte nur rund 38 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus – in den USA waren es rund 70 Prozent. Die Wirtschaft hing in hohem Maße von Investitionen ab, die zunehmend auf Krediten beruhten: Die Gesamtverschuldung (Staat, Unternehmen, Haushalte) stieg von rund 180 Prozent des BIP vor 2008 auf weit über 300 Prozent Mitte der 2020er-Jahre.
Seit dem Ende der Null-Covid-Politik Ende 2022 hat sich die Dynamik spürbar verlangsamt. Die Wachstumsraten liegen nun um die fünf Prozent, in manchen Quartalen darunter – Schätzungen westlicher Ökonominnen und Ökonomen gehen von real noch geringeren Zahlen aus. Die Bevölkerung schrumpft seit 2022; der Immobiliensektor, einst Antreiber eines großen Teils des Wachstums, steckt seit dem Evergrande-Kollaps in einer strukturellen Krise. Die Jugendarbeitslosigkeit ist zwischenzeitlich auf Rekordhöhen gestiegen, woraufhin Peking die Statistik kurzerhand aussetzte.
Die chinesische Führung versucht gegenzusteuern mit einer neuen Industriepolitik für „neue Produktivkräfte" – gemeint sind vor allem Künstliche Intelligenz, Batterien, Elektrofahrzeuge, Halbleiter, Biotechnologie und Robotik. Hunderte Milliarden an staatlichen Förderungen fließen in diese Bereiche. Kritiker im In- und Ausland warnen jedoch, dass die Überinvestition zu weltweiten Überkapazitäten führt und handelspolitische Konflikte mit den USA und Europa weiter verschärft.
Was die Reportage als Momentaufnahme zeigt – Chinas Turbowachstum als Normalzustand – ist Geschichte geworden. Peking steht vor der Aufgabe, sein Wirtschaftsmodell neu auszurichten: weg von Immobilien und Schuldeninvestitionen, hin zu Technologie und Binnenkonsum. Ob dieser Umbau gelingt, gehört zu den entscheidenden ökonomischen Fragen des kommenden Jahrzehnts.