Die Fabrikhalle rostet vor sich hin. Lediglich ein schmales Stahlgerippe hält die wacklige Wellblechkonstruktion an der Decke zusammen. Vereinzelt bahnen sich zwar noch Sonnenstrahlen ihren Weg durch die verschmutzten Fensterscheiben. Doch sonst strahlt in dem Werk in Chinas "Solarhauptstadt" Baoding nichts mehr.
Dort wo das Herz der Fabrik pulsieren sollte, schweben jetzt viele Staubkörner durch die Luft. Kaum zu glauben, dass hier, gut 150 Kilometer südwestlich von Peking, einmal Spezialmaschinen aus Deutschland rund um die Uhr brummten. Der bayerische Mittelständler SiC-Processing recycelte mit seinen Anlagen in Baoding Sonderabfälle aus der Solarzellenproduktion und träumte vom großen Geld.
Dafür suchte sich das Unternehmen aus Hirschau nicht irgendeinen Partner aus, sondern Chinas führenden Solarkonzern Yingli. Alles schien perfekt zu laufen. Yingli wuchs rasant, war die Nummer eins der Welt und sponserte sogar den FC Bayern München. "Made in Germany" kam in Fernost prima an. Die Deutschen wurden hofiert. Doch plötzlich wollte Yingli nicht mehr zahlen. SiC wurde finanziell ausgequetscht. Seit dreieinhalb Jahren stecken die Bayern mittlerweile in der Insolvenz. Das stolze Expansionsprojekt des Mittelständlers im fernen Osten ist gescheitert.
Der Untergang von SiC ist nicht nur eine der vielen Pleiten infolge überzogener Erwartungen. Er ist ein Lehrstück über die Tücken von Chinas Staatskapitalismus. Der Fall zeigt exemplarisch, was selbst einige der größten und etabliertesten Firmen der Volksrepublik unter "Partnerschaften" verstehen: Gelingt es ihnen erst einmal, das Know-how ihrer westlichen Verbündeten aufzusaugen, werden diese skrupellos aus dem Land gejagt.
Erfolgreicher Start Das Trügerische dabei: Zu Beginn wirkt die Zusammenarbeit meist wie ein Erfolgsmodell für beide Seiten - so war es auch bei SiC. Wehmütig erinnert sich Jan Müller an seine ersten Tage und Wochen in China. "Wir haben investiert und investiert und investiert. Es war reines Gelddrucken", sagt der letzte verbliebende deutsche Mitarbeiter von SiC in Baoding. Der promovierte Chemiker nahm im Januar 2013 eine Stelle bei dem Mittelständler als Forschungsleiter in China an. SiC war damals an vier Standorten in der Volksrepublik aktiv. Allein in Baoding arbeiteten neben Müller in Spitzenzeiten bis zu 300 Angestellte für die bayerische Firma.
Die Fabrikhalle von SiC wurde direkt neben der Zentrale des Yingli-Konzerns errichtet - ein Zeichen der Verbundenheit, kurze Wege inklusive. Müller deutet mit der Hand auf die riesigen Gebäude am Horizont. "Das alles ist das Reich von Yingli", sagt der 40-Jährige. Lagerhallen, Bürogebäude und schier unendlich viele Rohre schlängeln sich über das Gelände des Konzerns. Eine Mauer trennt die Yingli-Zentrale von den Fabrikgebäuden der Deutschen.
Zu Beginn sei Yingli auf die Technik von SiC angewiesen gewesen, erklärt Müller. Die Bayern waren mit einem Umsatz von mehr als 160 Millionen Euro und einem Weltmarktanteil von 40 Prozent der global führende Anbieter in der Aufbereitung von gebrauchten Sägesuspensionen aus der Photovoltaikindustrie. Dabei handelt es sich um ein Abfallprodukt, das beim Zerschneiden von Silizium, dem Ausgangsmaterial jedes Solarmoduls, in dünne Scheiben entsteht. Siliciumcarbid ist dabei der wichtigste Stoff, den die Firma recycelt. So wichtig, dass dessen Abkürzung dem Unternehmen seinen Namen gibt.
SiC wollte in China alles gründlich machen und kaufte hochwertige Geräte ein. "Viele Maschinen kommen aus Deutschland", erzählt Müller. In der Fabrik stehen zwei Verdampfer aus der Bundesrepublik. Kostenpunkt: eine Million Euro je Maschine. Und zu jeder der beiden Produktionslinien gehören zwei Bandfilter "made in Germany" für mehr als 200 000 Euro pro Stück. Deutsche Wertarbeit für China, das war der Plan. Doch er ging schief. "Yingli hat einfach die Rechnungen nicht mehr bezahlt", berichtet Müller. Yingli stand auf Handelsblatt-Anfrage nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung.
Schlimmer noch: Die Chinesen haben ein günstigeres Verfahren zur Aufbereitung des Siliziumabfalls hochgezogen. "Deren Technik ist zwar nicht so hochwertig wie unsere, aber viel billiger", räumt Müller ein. Die Deutschen wurden damit überflüssig, und Müller wurde vom Forschungschef zum Totengräber von SiC in China. Er soll jetzt alles abwickeln. Denn im fernen Deutschland erheben allein die Anleihegläubiger der insolventen SiC-Processing GmbH Forderungen von etwa 87 Millionen Euro.
"Wir wollen alles zu Geld machen, was noch Wert hat", sagt Müller. Die letzten zehn Angestellten in Baoding scharen sich um ihn, während er durch die verlassenen Fabrikhallen schreitet. Große Holzkisten mit originalverpackten Ersatzteilen aus Metall stehen im Vorraum des Werks. Die Teile seien zwar aus Deutschland, aber schon einige Jahre in Baoding auf Lager. "Die Garantie ist abgelaufen. Daher bekommen wir auch in China nicht mehr viel dafür", erklärt Müller.
Die wichtigste Einnahmequelle, auf die SiC hofft, sitzt aber auf der anderen Seite der Mauer: Yingli. SiC-Insolvenzverwalter Christopher Seagon fordert von dem Solarriesen 320 Millionen Yuan (umgerechnet fast 43 Millionen Euro) an Zahlungsrückständen und vertraglichen Kompensationsansprüchen.
Showdown vor Gericht In einem schmucklosen Raum mit kahlen weißen Wänden in dem Gerichtsgebäude der Provinzhauptstadt Shijiazhuang kommt es zum Showdown. An dem einen Ende des Raums sitzen die Zuschauer auf braunen Sesseln. Am anderen Ende sitzt die Richterin auf einem erhöhten Holzpodest, über ihr prangt das chinesische Staatswappen. Die Behörde hat das Video von der Verhandlung ins Internet gestellt. Yinglis Anwälte tun alles, um jegliche Forderungen der Deutschen abzuschmettern. Eines ihrer Kernargumente lautet: SiC sei gar kein Schaden entstanden. Schließlich seien alle teuren Produktionsanlagen aus Europa ja noch da und könnten einfach verkauft werden.
Doch an diesem Tag gelingt dem deutschen Rechtsanwalt eine kleine Sensation. Die Richterin folgt nicht der Darstellung der Anwälte des chinesischen Konzerns, sondern der der Deutschen. Sie gesteht SiC Schadensersatz in Höhe von 59 Millionen Yuan (umgerechnet etwa 7,9 Millionen Euro) zu.
Eine überraschende Entscheidung, schließlich fällt es ausländischen Firmen in der Regel nicht leicht, in China vor Gericht erfolgreich zu sein. Der Modekonzern Hugo Boss etwa kämpft seit Jahren weitgehend erfolglos gegen einen chinesische Nachahmer.
Doch Seagon ist noch nicht zufrieden. Er will mehr Geld. Sowohl SiC als auch Yingli haben gegen das Urteil Berufung eingelegt. Nun muss das höchste Zivilgericht Chinas in der Causa entscheiden.
"Ich gehe davon aus, dass dort dann die Fragen unzweifelhaft und zugunsten der Gläubiger eine Klärung erfahren", zeigt sich Seagon gegenüber dem Handelsblatt zuversichtlich. Doch selbst, wenn der Insolvenzverwalter seine Forderungen gerichtlich durchsetzen kann, ist es fraglich, ob die Gläubiger nur einen Cent von Yingli sehen werden. Denn Yingli steckt in finanziellen Schwierigkeiten.
Der Konzern schreibt seit 2011 durchgängig Verluste. Allein für das vergangene Jahr meldet Yingli bei einem Umsatz von knapp 1,2 Milliarden Dollar unter dem Strich ein Minus von mehr als 290 Millionen Dollar. Über die Jahre hat der einstige Solarkönig einen Schuldenberg von beinahe drei Milliarden Dollar angehäuft. Die Folge: Yingli weist mittlerweile ein negatives Eigenkapital in Höhe von mehr als einer Milliarde Dollar aus. Wider alle ökonomischen Gesetze verhindert Chinas Staatsspitze bislang die Insolvenz des Konzerns.
Regierung stützt Großkonzerne "Auf regionaler Ebene ist Yingli ein Champion, den man halten muss", sagt Jost Wübbeke, Programmleiter für Wirtschaft und Technologie am Berliner China-Forschungsinstitut Merics. Für China ist die Solarindustrie ein Schlüsselsektor, den Peking fördert. Die Volksrepublik will mit ihren Unternehmen vielversprechende Zukunftsbranchen besetzen. "Eine Firma wie Yingli, die einen Namen aufgebaut hat, soll nicht pleitegehen", erklärt Wübbeke. Yingli ist "too big to fail".
Ein Schicksal, das viele in China teilen. "Es gibt ein Muster hinter den Überkapazitäten: Der Staat fördert den rasanten Aufbau von Kapazitäten. Doch der Ausbau geht an der Nachfrage vorbei", warnt Wübbeke. "Die Entwicklung geht so lange gut, wie der Markt stark wächst." Über Jahre konnte die Volksrepublik große Erfolge verbuchen. "Vor mehr als zehn Jahren gab es in Bayern mehr Solaranlagen als in ganz China. Aber heute produziert China mehr Solarstrom als jedes andere Land der Welt", sagt Wübbeke.
Doch mittlerweile steckt Chinas Solarbranche in der Krise. Im Solarsektor gibt es seit Jahren eine gewaltige Überproduktion. Einige Firmen sind bereits pleite. Es könnten noch mehr folgen. Den Giganten Yingli werde es allerdings wohl nicht treffen, vermutet Wübbeke: "Stattdessen versucht die Regierung, kleinere Solarfirmen aus dem Markt zu drängen."
Und SiC? Die deutsche Firma steht auf der Liste, der am dringendsten zu bedienenden Yingli-Gläubiger nicht sehr weit oben. Alle Vergleichsverhandlungen scheiterten bisher. Insolvenzverwalter Seagon hofft noch, dass es nicht zum Worst Case kommt. Sollte Yingli aber auch nach Vorliegen eines rechtskräftigen Urteils in zweiter Instanz weiterhin nicht zahlen, will Seagon "im Interesse der Gläubiger den Disput bis zum Ende führen".
Eine erfolgreiche Zwangsvollstreckung einer ausländischen Firma in China ist zwar nicht unmöglich, gilt unter Rechtsexperten in der Praxis aber als äußerst schwierig umzusetzen. Denn chinesische Gerichte sind "nicht unabhängig", sagt Knut Benjamin Pißler, China-Referent am Max-Planck-Institut für Privatrecht in Hamburg.
"Wenn beispielsweise die Provinzregierung eine Vollstreckung blockiert, um Arbeitsplätze vor Ort zu erhalten, besteht die Gefahr, dass Kläger - aus dem Ausland oder auch aus einer anderen chinesischen Provinz - leer ausgehen", erklärt Pißler. Und genau dieses Szenario droht im Fall von Yingli.
Am Ende könnten die Gläubiger von SiC also ohne Geld, aber mit einer bitteren Erkenntnis dastehen: recht bekommen und Recht durchsetzen sind zwei völlig unterschiedliche Dinge - gerade in der Volksrepublik China.