Unterwegs in Chinas geheimer Bitcoin-Mine
Die Volksrepublik dominiert das Geschäft mit Bitcoins. Nirgendwo wird die Kryptowährung so intensiv geschürft wie in China.
Die Volksrepublik dominiert das Geschäft mit Bitcoins. Nirgendwo wird die Kryptowährung so intensiv geschürft wie in China. In des Wüste Gobi hat Handelsblatt-Korrespondent Stephan Scheuer eine der größten Bitcoin-Minen des Landes besucht.
Hintergrund
Zur Zeit dieser Reportage war China das globale Zentrum des Bitcoin-Minings. Schätzungen des Cambridge Centre for Alternative Finance zufolge entfielen in den Spitzenjahren zwischen 2017 und 2020 bis zu 75 Prozent der globalen Rechenleistung auf chinesische Anlagen. Die Gründe waren rein ökonomisch: In Regionen wie der Inneren Mongolei, Sichuan und Xinjiang waren Strompreise außergewöhnlich niedrig – gespeist aus Kohlekraftwerken (in der Winterzeit) oder aus der saisonalen Wasserkraft (in der Regenzeit).
Mining-Farmen erreichten beeindruckende Dimensionen. Einzelne Anlagen beherbergten zehntausende ASIC-Rechner, verteilt auf Lagerhallen von mehreren Fußballfeldern Größe. Einige Betreiber wie Bitmain – gleichzeitig auch der weltgrößte Hersteller dieser Mining-Hardware – wurden zu Milliardenkonzernen. Der Energieverbrauch des globalen Bitcoin-Netzwerks überstieg 2020 den Jahresstromverbrauch mittlerer Industrieländer.
Im Mai und Juni 2021 setzte die chinesische Regierung dem Geschäft abrupt ein Ende. Zunächst kündigten einzelne Provinzen Stromsperren für Mining-Operationen an, dann folgte ein landesweites Verbot. Im September 2021 erklärte die Zentralregierung jede Handelsaktivität mit Kryptowährungen für illegal – auch über Auslandsbörsen. Die offizielle Begründung nannte Klimaschutz und Finanzstabilität; Analysten vermuten zusätzlich die Vorbereitung der digitalen Zentralbankwährung e-CNY, die keine Konkurrenz aus dem privaten Kryptosektor dulden sollte.
Die Folgen waren sofort spürbar. Die Bitcoin-Hashrate brach binnen Wochen um rund die Hälfte ein – der größte derartige Einbruch in der Geschichte der Kryptowährung. Chinesische Miner verkauften ihre Hardware ins Ausland oder verlegten ganze Anlagen. Die neuen Zentren entstanden in den USA (vor allem Texas, mit billigem Strom und ohne Regulierung), in Kasachstan (das 2022 aufgrund der Stromlast selbst Einschränkungen einführte), sowie in Russland, Kanada und im Nahen Osten.
Heute sind die Vereinigten Staaten der weltweit größte Mining-Standort mit einem Anteil von rund 38 Prozent der globalen Hashrate. Kasachstan und Russland folgen; China selbst spielt offiziell keine Rolle mehr, obwohl es Hinweise gibt, dass einzelne Miner weiterhin untergrundähnlich in Randregionen operieren. Der Aufstieg der USA zum Mining-Standort wiederum war einer der Faktoren, die die politische Akzeptanz von Kryptowährungen in Washington veränderten – bis zur zweiten Trump-Amtszeit, in der Kryptowährungen offen gefördert werden.