Zu Besuch in Chinas Geisterstadt Ordos
Mit 1,4 Milliarden Menschen ist China das bevölkerungsreichste Land der Welt. Überall wird gebaut. Doch manche der Megaprojekte scheitern.
Mit 1,4 Milliarden Menschen ist China das bevölkerungsreichste Land der Welt. Überall wird gebaut. Doch manche der Megaprojekte scheitern. Handelsblatt-Korrespondent Stephan Scheuer hat die Geisterstadt Ordos besucht.
Hintergrund
Ordos Kangbashi, im Norden Chinas in der Inneren Mongolei gelegen, wurde in den 2000er-Jahren aus dem Boden gestampft. Angelegt für über eine Million Einwohner, stand die Stadt lange Zeit fast leer – weite Boulevards, repräsentative Verwaltungsgebäude, Dutzende Wohnhochhäuser ohne Mieter. Die Reportage fängt die surreale Atmosphäre dieser neuen Kulisse ein.
Ordos war das weltweit bekannteste Beispiel chinesischer Immobilienspekulation. Lokale Regierungen kurbelten ihre Einnahmen in den 2000er- und 2010er-Jahren systematisch durch den Verkauf von Bauland an: Städte bauten in größerem Maßstab, als die Bevölkerung tatsächlich absehbar zuziehen konnte. Wohnungen wurden zur bevorzugten Anlageklasse einer aufstrebenden Mittelschicht – nicht zum Wohnen, sondern als Spekulationsobjekt. Schätzungen zufolge standen 2020 in China zwischen 50 und 90 Millionen Wohnungen dauerhaft leer.
Das Phänomen war Vorbote einer Krise, die 2021 mit dem Kollaps des Immobilienentwicklers Evergrande offen ausbrach. Evergrande hatte über 300 Milliarden Dollar Schulden angehäuft; kurz danach folgten Country Garden und weitere große Entwickler. Der chinesische Immobilienmarkt, lange die größte Anlageklasse der Welt nach Wert, befindet sich seither in einer tiefen Korrektur. Preise fallen seit Jahren, Neubauvolumen sind drastisch zurückgegangen, die Bauindustrie steckt in einer strukturellen Krise.
Die makroökonomischen Folgen sind erheblich. Chinas Haushaltssektor hatte historisch einen Großteil seines Vermögens in Immobilien gebunden – Vermögensverluste dort wirken sich auf den privaten Konsum aus, der die Erholung nach der Pandemie bremst. Lokalregierungen haben einen Großteil ihrer Einnahmen aus Landverkäufen eingebüßt; die Finanzierung von Infrastruktur und Sozialausgaben ist in vielen Regionen ins Wanken geraten.
Ordos selbst hat sich über die Jahre langsam gefüllt. Die Lokalregierung verlagerte Verwaltungseinheiten und Universitätscampus in die neue Stadt, Schulen und Krankenhäuser folgten. Heute leben dort schätzungsweise 150.000 bis 200.000 Menschen – weit entfernt von der geplanten Million, aber genug, um das Bild der vollkommen leeren Geisterstadt zu revidieren. Andere Neubaugebiete Chinas hatten weniger Glück: Sie wurden entweder stillgelegt oder stehen weiter leer.