Wie Leih-Fahrräder China erobern
Die Volksrepublik war eine Nation von Fahrradfahrern. Jetzt wollen Startups an die Tradition anknüpfen.
Die Volksrepublik war eine Nation von Fahrradfahrern. Jetzt wollen Startups an die Tradition anknüpfen. Überall im Land stellen sie Leihfahrräder auf, die sich per App buchen lassen. Handelsblatt-Korrespondent Stephan Scheuer hat es ausprobiert.
Hintergrund
2016 und 2017 rollte über Chinas Städte eine Welle bunter Leihfahrräder: Ofo (gelb), Mobike (orange) und Dutzende kleinerer Anbieter konkurrierten um Marktanteile. Gestützt von Milliarden an Wagniskapital wurden Millionen Räder ausgerollt. Ofo und Mobike sammelten gemeinsam über zwei Milliarden Dollar an Investorengeldern ein.
Die Branche entstand quasi aus dem Nichts. Anders als klassische Bike-Sharing-Systeme mit festen Stationen konnten die chinesischen Räder überall abgestellt und per App entriegelt werden – eine Konzeption, die den Ausbau dramatisch beschleunigte. Gleichzeitig führte sie zu einem Phänomen, das weltweit Aufsehen erregte: Ganze Fahrradberge auf öffentlichen Plätzen, konfiszierte Räder auf Gelände von Verkehrsbehörden, Radfriedhöfe in Satellitenbildern.
Die Blase platzte schnell. Ofo geriet Ende 2018 in massive Liquiditätsprobleme – Millionen Kundinnen und Kunden warteten monatelang vergeblich auf die Rückerstattung ihrer Kaution von 99 bis 199 Yuan. Das Unternehmen schrumpfte binnen weniger Monate auf einen Bruchteil seiner Größe. Mobike ging 2018 an den Plattform-Konzern Meituan, der die Marke später in das eigene Ökosystem integrierte und in „Meituan Bike" umbenannte.
Was blieb, ist ein konsolidierter Markt mit drei großen Anbietern: Meituan, Hellobike (Teil der Alibaba-Familie) und Didi. Die Preise sind inzwischen realistischer, die Profitabilität besser, die Fahrradmengen begrenzt. In den chinesischen Metropolen ist Bike-Sharing eine alltägliche Mobilitätsoption geworden – das Modell hat den Markt grundlegend umgekrempelt, nur eben nicht auf die Weise, die sich die frühen Investoren vorgestellt hatten.
International hat das chinesische Modell Schule gemacht. Dockless Bike-Sharing breitete sich 2017 und 2018 weltweit aus; Mobike war zeitweise in 200 Städten weltweit aktiv. Später folgten die E-Scooter-Anbieter aus den USA (Bird, Lime) und Europa (Tier, Voi) einem ähnlichen Prinzip. Viele dieser Firmen haben in den vergangenen Jahren fusioniert oder sich aus Märkten zurückgezogen – das grundlegende Problem der chinesischen Vorgänger, ein unklares Geschäftsmodell bei hohen Betriebskosten, kehrte auch bei ihnen wieder.