Chinas Startup-Boom: Alle 7 Minuten wird eine Firma gegründet
Jeden Monat gründen Tausende Unternehmer neue Firmen in China. Peking fördert den Boom. Handelsblatt-Korrespondent Stephan Scheuer hat ein Startup-Hub
Jeden Monat gründen Tausende Unternehmer neue Firmen in China. Peking fördert den Boom. Handelsblatt-Korrespondent Stephan Scheuer hat ein Startup-Hub besucht, und sich das Prinzip erläutern lassen.
Hintergrund
Die Reportage fängt die Stimmung des chinesischen Start-up-Booms von 2016 und 2017 ein – eine Phase, in der Mobile Payment, E-Commerce, Bike-Sharing und Fintech zweistellige Milliardenbeträge an Wagniskapital anzogen. Alleine 2018 flossen in China rund 105 Milliarden Dollar in Start-ups – damals so viel wie in den USA.
Die Dynamik war kein Zufall. Premierminister Li Keqiang hatte 2014 die Kampagne „Mass Innovation and Entrepreneurship" zur Staatsdoktrin erhoben. Lokalregierungen konkurrierten um Gründungszentren und subventionierten Neugründungen. Die Kombination aus günstigem Kapital, einem riesigen Heimatmarkt und einem weitgehend von der globalen Konkurrenz abgeschirmten Internet schuf eigene Champions: Didi Chuxing (Ridehailing), Meituan (Delivery-Plattform), ByteDance (Muttergesellschaft von TikTok), Ant Financial (aus Alibaba hervorgegangen).
Der Wendepunkt kam im Herbst 2020. Pekings Regulierungsbehörden stoppten den geplanten Börsengang der Ant Group – damals einer der größten IPOs der Geschichte – kurzfristig. Wenige Tage zuvor hatte Jack Ma öffentlich das chinesische Finanzsystem kritisiert. Danach folgte eine Welle von Untersuchungen: gegen Didi wegen Datenschutzverstößen, gegen Meituan wegen Wettbewerbsverletzungen, gegen die gesamte private Nachhilfebranche mit einem kompletten Geschäftsverbot.
Die VC-Investitionen in chinesische Konsumenten-Start-ups brachen in der Folge um 70 bis 80 Prozent ein. Viele internationale Investoren wie Sequoia Capital teilten 2023 ihr China-Geschäft komplett ab. Was heute aus staatlicher Sicht als förderwürdig gilt, sind „harte Technologien" – Halbleiter, Künstliche Intelligenz, Biotechnologie, Elektrofahrzeuge, Luft- und Raumfahrt. In diesen Bereichen gibt es weiterhin Milliardenförderung, nun aber unter klarer politischer Steuerung.
Für die Gründerszene, die die Reportage zeigt, bedeutet das einen Kulturwandel. Die Zeit der schnellen, marktgetriebenen Konsumtech-Innovationen ist vorbei. Was bleibt, ist ein System, in dem unternehmerischer Erfolg stärker denn je mit politischer Linientreue verknüpft ist.